Zum Nachhören: Podcast von NSU Watch zur Gedenk- und Diskussionsveranstaltung „Die Todesopfer rassistischer Gewalt nicht vergessen“ in Stuttgart am 13. März 2019.

03.04.2019

Ante B. (60), Ljuba B. (55), Zuzanna M. (57), Athina S. (24), Kristina S. (2), Nebahat S. (27), ihre Tochter Aynül S. (4) und ihr ungeborenes Kind starben in der Nacht vom 15. zum 16. März 1994 bei einem Brandanschlag auf das Mehrfamilien- und Geschäftshaus Geißstraße 7 in der Stuttgarter Altstadt. Weitere 16 Bewohner_innen des vorwiegend von türkeistämmigen Arbeitsmigrant_innen, Bürgerkriegsgeflüchteten aus dem ehemaligen Jugoslawien und Asylsuchenden bewohnten Hauses erlitten teils lebensgefährliche Verletzungen.

Das Feuer war gegen drei Uhr nachts im hölzernen Treppenhaus gelegt worden.

Im Mai 1996 verurteilte die 1. Große Strafkammer am Stuttgarter Landgericht Andreas H., einen 25-jährigen Serienbrandstifter aus Esslingen, zu 15 Jahren Haft mit anschließender Sicherungs-verwahrung,  unter anderem wegen des Mordes in 7 Fällen und des Mordversuchs in 86 Fällen. Den Brandanschlag im Haus Geißstraße 7 gestand Andreas H. zwar in den polizeilichen Vernehmungen, vor Gericht bestritt er jedoch die Täterschaft.

Andreas H. hatte ebenso gestanden, aus „Ausländerhass“ und aus Rache für einen angeblich durch Ausländer gegen ihn durchgeführten Raubüberfall im April und Juni 1995 weitere sieben, überwiegend von türkeistämmigen Arbeitsmigrant*innen bewohnte Mehrfamilienhäuser in Esslingen nachts angezündet und danach mit Hakenkreuzen, SS-Runen und Parolen wie „Kanaken Raus“ und „Sieg Heil“ versehene Bekennerschreiben hinterlassen zu haben.

Das Landgericht Stuttgart wertete die Bekennerschreiben jedoch nur als Versuche, mehr öffentliche „Beachtung“ für die Brände zu erlangen. Gehasst, so die Lesart des Gerichts, habe Andreas S. lediglich diejenigen Ausländer, die ihn überfallen hatten.

Ein Vierteljahrhundert nach dem fast vergessenen Brandanschlag sprachen bei der Gedenk- und Diskussionsveranstaltung am 13. März 2019 im „Hotel Silber“ in Stuttgart Prof. Dr. Tanja Thomas, (Medienwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Transformationen der Medienkultur) Engin Şanlı (Rechtsanwalt), Chana Dischereit (Mitorganisatorin im bundesweiten Aktionsbündnis „NSU-Komplex auflösen!“) und Gökay Sofuoğlu (Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland und Landesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg e.V., der beim Brand als Berichterstatter vor Ort war) mit Heike Kleffner, Geschäftsführerin des VBRG e.V. über ihre Erinnerungen an den Brandanschlag, über den Umgang der städtischen Öffentlichkeit mit dem Gedenken und über die Frage der Wahrnehmung und Ahndung von Rassismus als Tatmotiv.